Forschungsprojekt
Spielen in der frühen Kindheit ist für die Entwicklung von Kindern von zentraler Bedeutung. Dennoch nehmen Zeit, Raum und Gelegenheit für das freie Spiel junger Kinder im Alltag immer mehr ab. Erwiesen ist, dass die Fähigkeit, Bereitschaft und Freude von Kindern, sich auf das Spiel(en) einzulassen (die so genannte «Playfulness»), positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Kreativität und die psychische Entwicklung hat. Wenig ist bislang jedoch bekannt, wie sich die Playfulness im Laufe der kindlichen Entwicklung verändert und was Erwachsene zur Entfaltung dieser Spielqualität beitragen können.
Das Kooperationsprojekt der PH Zürich und des MMI untersucht, wie sich die Playfulness von Kindern im Alter zwischen zwei und acht Jahren entwickelt. Dazu werden über 800 Kinder aus Kindertageseinrichtungen (Kita), Kindergärten und Primarschulen in der deutschsprachigen Schweiz über einen Zeitraum von zwei Jahren und drei Erhebungszeitpunkten (im Jahr 2021, 2022 und 2023) begleitet. Hierbei finden Kinderinterviews, Befragungen von Eltern, Betreuungs- und Lehrpersonen, Beobachtungen der pädagogischen Qualität in Kita und Kindergarten sowie Videoanalysen kindlicher Spielprozesse statt.
Das Projekt will aufzeigen, wie die Playfulness junger Kinder in Familie, Kita und Kindergarten gefördert sowie bei Stress- und Risikobelastungen geschützt werden kann. Damit kann es einen Beitrag zur Stärkung des Wohlbefindens sowie zur Entfaltung des Entwicklungspotenzials von Kindern beim freien Spiel leisten. Aus den Erkenntnissen können Empfehlungen für die Begleitung und Unterstützung des spielerischen Lernens in der frühen Kindheit formuliert werden.
Erste Studienergebnisse haben wir hier zusammengetragen (die wissenschaftlichen Publikationen für mehr Informationen sind unter dem jeweiligen Hyperlink verfügbar):
Spielbegleitung von pädagogischen Fachkräften in Kitas und Kindergärten
Die Begleitung des freien Spiels ist eine zentrale Aufgabe von pädagogischen Fachkräften in Kitas und Kindergärten. Unsere Studie zeigt, dass pädagogische Fachkräfte in Kitas und Kindergärten am häufigsten in reaktiven Rollen agieren, beispielsweise um die Kinder in verschiedenen Spieltätigkeiten oder bei der Emotionsregulation zu unterstützen. Am zweithäufigsten übernehmen sie proaktive Rollen, um das Spiel und das Lernen der Kinder anzuregen oder zu steuern, indem sie Vorschläge und Anweisungen gaben oder den Kindern Fragen stellten. Am wenigsten werden die Fachpersonen in der Rolle des Mitspielers / der Mitspielerin beobachtet. In dieser Rolle begeben sich die Fachpersonen auf die Ebene des Kindes und spielen selbst mit, was in Kitas noch etwas häufiger vorkam als in Kindergärten. Ausserdem zeigen die Resultate, dass die Fachpersonen je nach Spielform der Kinder unterschiedliche Rollen bevorzugen.
Pädagogische Interaktionsqualität und Playfulness
Studien zur Qualitätsforschung in der Frühpädagogik belegen die grosse Bedeutung der Fachperson-Kind-Interaktion für die kognitive und sozio-emotionale Entwicklung von Kindern. Die Interaktionsqualität präsentiert sich durch eine aktive Lernunterstützung sowie durch responsive Interaktionen zwischen Fachperson und Kind(ern). Bislang ist allerdings unklar, welche Rolle der Interaktionsqualität für die Entwicklung kindlicher Spielqualität (Playfulness) zukommt. Analysen im Rahmen unserer Playful-Studie zeigen nun, dass die Qualität der Interaktionen zwischen Fachperson und Kind(ern) für die Entwicklung kindlicher Playfulness eher unbedeutend ist. Eine stark gelenkte, zielorientierte Lernunterstützung durch die Fachperson kann sogar die Spontanität und Kreativität der Kinder im Spiel hemmen. Entscheidender scheinen danach eher ausreichend Raum, Zeit und Autonomie für Kinder im Spiel zu sein.
Die kindliche Perspektive auf das Spiel
In unserer Studie wurden die Kinder zu ihrer eigenen Einschätzung ihrer Spielfreude befragten. Es zeigte sich, dass Kinder, die sich selbst als spielfreudig beschreiben, auch davon überzeugt sind, sozial kompetenter zu sein und davon ausgehen, dass ihre Altersgenossen sie als beliebte Spielpartner ansehen. Diese Ergebnisse unterstreichen, dass es möglich ist, die Möglichkeit, auch die Perspektive sehr junger Kinder in der Forschung zu berücksichtigen, insbesondere in Bezug auf alltagsnahe Themen wie das Spielen. Im Einklang mit anderen Studien fanden wir keine Übereinstimmung zwischen der Selbstwahrnehmung der Kinder und der Einschätzung Fachpersonen in Bezug auf die kindliche Spielfreude. Diese Unterschiede betonen die Bedeutung, die Perspektive des Kindes in Studien einzubeziehen. Das in unserer Studie entwickelte Verfahren kann auch dazu dienen, die Sicht der Kinder zu anderen Themen standardisiert zu erfassen.
Wie spielen Kinder mit Entwicklungsbeeinträchtigungen?
Kinder mit tiefen exekutiven Funktionen (wie dies zum Beispiel Kinder mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen betrifft) spielen oft weniger abwechslungsreich und unfokussierter als gleichaltrige Kinder ohne Beeinträchtigung. Unsere Studie konnte zeigen, dass die Spielfreude der Eltern sowie die Zeit, die sie mit ihrem Kind spielend verbringen, sich positiv auf die Spielqualität der Kinder mit tiefen exekutiven Funktionen auswirken kann.
Projekt:
Playfulness in der frühen Kindheit – Eine Längsschnittuntersuchung zu individuellen und kontextuellen Determinanten (Playful)
In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH)
Projektleitung:
Prof. Dr. Corina Wustmann Seiler (PHZH)
PD Dr. habil. Patricia Lannen (Institutsleitung MMI)
Projektmitarbeiter:innen:
Isabelle Duss, M.A., Doktorandin (MMI)
Cornelia Rüdisüli, M.A., Doktorandin (PHZH)
Finanzierung:
Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert.
Kontakt:
playful@phzh.ch
Wustmann Seiler, C., Duss, I., Rüdisüli, C., & Lannen, P. (2026). Playfulness aus Kindersicht: Wie verändert sie sich in der Kindheit und welche Rolle spielen dabei individuelle und familiale Merkmale? Frühe Bildung, 15(2), 1-9. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000762
Rüdisüli, C., Duss, I., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2026). Am I interrupting or supporting? Associations between teachers’ roles in free play and children’s playfulness. Journal of Early Childhood Teacher Education, 1–19. https://doi.org/10.1080/10901027.2025.2608354
Duss, I., Rüdisüli, C., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2025). Fostering Playfulness in 2-to-6-Year-Old Children: A Longitudinal Study of Parental Play Support Profiles and Their Effects on Children’s Playfulness. Behavioral Sciences, 15(12), 1716. https://doi.org/10.3390/bs15121716
Duss, I., Ruedisueli, C., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2024). Development of playfulness in children with low executive functions: The role of parental playfulness and parental playtime with their child. Behavioral Sciences, 14(7), 542. https://doi.org/10.3390/bs14070542
Ruedisueli, C., Duss, I., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2024). Relations between teacher–child interaction quality and children’s playfulness.Early Child Development and Care, 194(7-8), 883–897. https://doi.org/10.1080/03004430.2024.2356242
Wustmann Seiler, C., Duss, I., Ruedisueli, C., & Lannen, P. (2024). Developmental trajectories of children's playfulness in two-to six-year-olds. Frontiers in Developmental Psychology, 2, 1426985.https://doi.org/10.3389/fdpys.2024.1426985
Duss, I., Ruedisueli, C., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2023). Playfulness from children’s perspectives: Development and validation of the Children’s Playfulness Scale as a self-report instrument for children from 3 years of age. Frontiers in Psychology, 14, 1287274. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1287274
Ruedisueli, C., Duss, I., Wustmann Seiler, C., & Lannen, P. (2023). External assessment of teachers’ roles during children’s free play and its relation to types of children’s play. Frontiers in Education, 8, 1287273. https://doi.org/10.3389/feduc.2023.1287273
Wustmann Seiler, C., Lannen, P., Duss, I., & Sticca, F. (2021). Mitspielen, (An)Leiten, Unbeteiligt sein?: Zusammenhänge kindlicher und elterlicher Playfulness: Eine Pilotstudie. Frühe Bildung, 10(3), 161–168. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000526